Kultursaat e. V. - Sorten sind Kulturgut
Verein für Züchtungsforschung und Kulturpflanzenerhaltung auf biologisch-dynamischer Grundlage
Unter dem Dach von Kultursaat ist die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung (on-farm) im deutschsprachigen Raum organisiert. Die Kultursaat-Züchter erhalten im ökologischen Erwerbsanbau bewährte samenfeste Sorten und entwickeln neue (samenfeste) Sorten, die sie auf den Namen des Vereins bei den Prüf- und Zulassungsbehörden (z. B. Bundessortenamt) registrieren lassen. Auf diesem Wege bleiben die Sorten Kulturgut!
Ein gemeinnütziger Verein ist der Schlüssel für eine zeitgemäße Alternative in der Pflanzenzüchtung
Neben der grundlegenden Arbeit der Saatgutvermehrung wurde bald klar, dass die Züchtung neuer Sorten speziell für den Öko- Landbau der nächste Schritt sein musste. So wurde 1994 aus der Mitte des Initiativkreises der Verein Kultursaat e.V. gegründet. Viele Mitglieder des Initiativkreises sind Vereinsmitglieder geworden – einige züchten im Rahmen ihres gärtnerischen Betriebes aktiv, andere haben sich ganz auf die Saatgutvermehrung konzentriert und unterstützen den Verein als passives Mitglied. Die Arbeit von Kultursaat e.V. ist inzwischen sehr vielfältig: Sortenentwicklung, Sortenerhaltung, Züchtungsforschung und Öffentlichkeitsarbeit erfordern viel Aufmerksamkeit. Ganz im Gegensatz zur heute von weltweit agierenden Unternehmen angestrebten „Biopatentierung“ legt der Verein Wert auf eine Betrachtung und Behandlung der Sorten als schützenswertes Gut der Menschheit. Einen privatwirtschaftlichen Besitz an Sorten und/oder DNA-Sequenzen lehnt er konsequent ab.
Kommunikationsprojekte
Der Verein Kultursaat e.V. bemüht sich in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern um umfassende Information rund um das Thema ökologische Züchtung. Zwei Projekte – für die Mitmachende gesucht werden - werden im Folgenden vorgestellt:
Fair-Breeding ist ein Partnerschaftskonzept mit Naturata International-Gemeinsam Handeln e.V.. Seit 2008 unterstützen Naturata-Naturkostfachgeschäfte Kultursaat bei der Entwicklung neuer, geschmackvoller und qualitativ hochwertiger Gemüsesorten. Sie geben zehn Jahre lang 0,3 % ihres Obst- und Gemüseumsatzes für die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung an den Verein. Beweggrund der Kooperation ist unter anderem die Sorge um die Qualität: „Wenn wir in Zukunft weiterhin und zunehmend qualitativ hochwertiges Gemüse verkaufen wollen, müssen wir uns jetzt um eine entsprechende Pflanzenzüchtung bemühen“, erklärte Naturata- Vorstand Heinz Knauss anlässlich der zweiten Scheckübergabe auf der BioFach 2009. „Diese Tatsache veranlasst uns, diese einzigartige Kooperation mit den biologisch-dynamischen Gemüsezüchtern einzugehen. Das Projekt ist aus der Erkenntnis entstanden, dass auch die Pflanzenzüchtung Teil der Wertschöpfungskette ist“.
Ausführliche Darstellungen über das Projekt FAIR-BREEDING finden Sie hier.
Das Projekt „Gemüse mit Charakter“ wendet sich an GärtnerInnen, die Ihren Endkunden sortenspezifische Informationen zur Verfügung stellen wollen. Die kleinen Hefte und Plakate veranschaulichen auf verständlicher Weise den Sortennamen und die spezifischen Sorteneigenschaften. Insbesondere für Hoffeste eignet sich das Thema. Die Sortenwahl ist ein wichtiger Baustein einer qualitätsorientierten Wirtschaftsweise. Interessierten KundInnen kann mit dieser Fragestellung die Einzigartigkeit des Fachhandels erläutert werden. Bestellungen der Informationsmaterialien über den Katalog, per E-Mail oder rufen Sie uns an.
Pflanzenzüchtung
Vom Impuls bis zur neuen Sorte - Vorgehensweise bei der Entwicklung neuer Gemüsesorten von Kultursaat e.V.
Von Anfang an stand bei der Kultursaat-Arbeit die sorgsame Pflege und Weiterentwicklung unserer Gemüsearten im Vordergrund. Bewährte Sorten werden erhalten und neue entwickelt – alles unter dem Dach und im Auftrage des gemeinnützigen Vereins, damit die Sorten nicht wirtschaftlichen Interessen zum Opfer fallen sondern als Kulturgut erhalten bleiben. Für ein möglichst zielführendes Fortkommen bei der langwierigen züchterischen Arbeit wurden Formen der Zusammenarbeit entwickelt, die Ähnlichkeit mit der Qualitätssicherung in Unternehmen haben. Das Schaubild zeigt die verschiedenen Elemente, die an der Entwicklung einer neuen Kultursaat-Sorte beteiligt sind.

Am Anfang steht der jeweilige Züchter, der sich mit einer oder mehreren Arten beschäftigt und ein konkretes Anliegen verfolgt. Das kann ein wohlschmeckender und prinzipiell anbautauglicher Salat sein, dessen Anfälligkeit gegenüber Pilzen verringert werden soll oder die Intensität der Durchfärbung einer Roten Bete bei gleichzeitiger Steigerung der Lagerfähigkeit. Die Aufgabenpalette ist nach wie vor sehr groß, und die individuell verschiedenen Ideen und Herangehensweisen entstehen aus dem Austausch mit Gärtnern, Händlern, Verbauchern, Qualitätsforschern etc. Diese Ansätze werden dann als konkrete Projektvorschläge gegenüber dem Vereinsvorstand formuliert, der wiederum Züchtungsaufträge erteilt. Alljährlich werden schriftliche Zwischenberichte verfasst, die den Stand der Züchtungsarbeiten dokumentieren. Gemeinsam mit den Arbeitsbesuchen durch sogenannte Züchtungs-Paten, das sind in der Regel zwei Vertreter des Vorstandes, und Gesprächen in der (für jede Kulturart spezifischen) Fachgruppe sind die Berichte Grundlage für die Entscheidung, wie die züchterische Arbeit im engeren Sinne weitergehen soll und kann. Kollegialer Austausch findet zudem auch bei den jährlich organisierten Züchtertreffen sowie bei dezentralen Kulturgruppentreffen statt. Die begleitenden Untersuchungen mit Bildschaffenden Methoden, nämlich Steigbild nach Wala und Kupferchloridkristallisation nach Pfeiffer, geben den Züchtern Orientierung bezüglich der inneren Qualität.
Zuchtlinien, die der jeweilige Züchter als anmeldereif favorisiert, werden in mehreren Erwerbsgemüsebaubetrieben geprüft. Die mehrjährigen, detaillierten Rückmeldungen von diesen Probeanbauten bilden gemeinsam mit den oben genannten Dokumentationen die Beurteilungsgrundlage für den Vereinsvorstand, ob ein Sortenkandidat auf Empfehlung der Fachgruppe in die behördliche Anmeldung kommen kann oder ob noch weitere Bearbeitung nötig ist. Bei der Registerprüfung, behandelt das Bundessortenamt die Kultursaat-Sortenkandidaten genauso wie diejenigen von anderen Gemüsezüchtern und stellt die Kriterien Unterscheidbarkeit, Einheitlichkeit und Beständigkeit fest; Tomaten müssen darüber hinaus auch bzgl. bestimmter Pathogene als eindeutig resistent oder anfällig geprüft und eingeordnet werden – diese Zusatzprüfungen haben schon manche Zulassung Erfolg versprechender Tomatenstämme verhindert.
Wenn das Bundessortenamt nach der in der Regel zweijährigen Prüfphase bescheinigt, dass die Sorte den Anforderungen nach dem UPOV-Übereinkommen entspricht, dann ist das Entwicklungsprojekt erfolgreich abgeschlossen: eine neue Sorte ist gezüchtet – die Erhaltungszucht wird dann im Auftrage des Vereins durchgeführt. Die offizielle Zulassung dieser Sorte durch das Bundessortenamt ermöglicht, dass Saatgut von dieser Sorte verkehrsfähig wird und verkauft werden darf. Die Sortenrechte bleiben bei Kultursaat, das heißt, der gemeinnützige Verein ist Eigentümer der Sorte.
Zukunftssicherung der biologisch-dynamischen on-farm Züchtung durch Aufbau einer Erhaltungszuchtbank für samenfeste Gemüsesorten
Züchtungstätigkeit fußt immer auf bereits Bestehendem, auch wenn die Idee der neuen Sorte etwas Zukünftiges ist und die neue Sorte noch entwickelt werden muss. Es klingt zwar banal, muss gleichwohl doch gesagt werden: Züchtung braucht einen physischen Ausgangspunkt. Bei den Kultursaat-Züchtern ist das in der Regel eine samenfeste Sorte, die in ihren Merkmalen durch Auslese- oder Kombinationszüchtung unter biologisch-dynamischen Anbaubedingungen qualitativ weiterentwickelt wird. Das kann gesteigerte Feldtoleranz bei Salat sein, verbesserte Lagereignung bei Rote Bete, erhöhte Frosthärte von Porree (Lauch), verringerte Neigung zu Holzigkeit bei Kohlrabi oder aromatischerer Geschmack bei Möhren. Welche Schritte eine Kultursaat-Sorte im Laufe ihrer Entwicklung durchläuft, wurde in einem Beitrag im letzten Katalog dargestellt. An dieser Stelle soll nun die Erhaltungszuchtbank für Gemüsesorten vorgestellt werden, die eine Reaktion von Kultursaat auf die immer weniger zur Verfügung stehenden samenfesten Sorten darstellt.
Problematische Ausgangslage
In den vergangenen zwei bis drei Jahrzenten hat zwar die absolute Sortenzahl zugenommen, das Angebot der Saatgutunternehmen hat sich jedoch stark in Richtung von Hybridsorten entwickelt (Maggioni 2004). Ein Blick in die Gemeinsamen Sortenkataloge für Gemüsearten (vgl. Tabelle 1) vermittelt einen Eindruck dieser Entwicklung. So hat sich beispielsweise die Zahl der europaweit zugelassenen (und damit verkehrsfähigen) Möhrensorten von 204 im Jahr 1985 über 406 (1994) auf 414 im Jahr 2005 erhöht, gleichzeitig hat sich jedoch der Anteil von F1-Hybriden bei Möhren von 43 % im Jahr 1985 über 68 % (1994) auf 81 % erhöht. Die Steigerung der Sortenzahl ist damit wie bei den meisten Gemüsearten vorwiegend eine Folge von neu angemeldeten Hybriden. Die wenigen hinzugekommenen samenfesten Sorten sind neben Neuzulassungen von Kultursaat (bei den Möhren z.B. 1998 ‘Rodelika‘ und ‘Robila‘, 2004 ‘Milan‘) größtenteils auf die sogenannte EU-Erweiterung zurückzuführen (Stadtlander 2005).Lösungsansatz eigene Sammlung
Kultursaat hat mittlerweile eine Sammlung noch am Markt verfügbarer offen blühender Gemüsesorten aufgebaut, die den Kern der „Erhaltungszuchtbank“ ausmachen. Dafür konnten Samenmuster von über 700 Sorten bei 30 Gemüsearten aus dem mittel- und nordeuropäischen Angebot erworben werden. Durch eine Co-Finanzierung über das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (FKZ 06OE154) war es möglich, über einen Zeitraum von fast drei Jahren bereits zahlreiche Kohlrabi-, Möhren- und Porreesorten zu sichten und teilweise erhaltungszüchterischem Samenbau zuzuführen. Beispielsweise konnten bei Kohlrabi im Vergleich zu den im Jahr 2005 noch 21 vertriebsfähigen samenfesten Sorten immerhin Muster von 15 Sorten erworben und in die Sammlung aufgenommen werden. Die mehrortigen Anbauvergleiche der Muster ließen allerdings die meisten Sorten in Kategorie B (bedingt anbautauglich) und C (nicht für Erwerbsanbau in Nordwesteuropa geeignet) einordnen. Von den 49 gesichteten Porreesorten wurden dagegen sehr viel mehr Sorten als „unmittelbar für den ökologischen Erwerbsanbau geeignet“ (Kategorie A) angesehen (Tabelle 2). Hier wird in den kommenden ca. fünf Jahren eine Bereicherung des Sortiments erwartet; Möhren nehmen bezüglich der Kategorisierung etwa eine Zwischenstellung ein.Literatur:
MAGGIONI, L. (2004): Conservation and Use of Vegetable Genetic Resources: A European Perspective. Acta Hort. (ISHS) 637: 13-30.
STADTLANDER, C. (2005): Studie zur Sortenvielfalt im Gemüsebau – Untersuchung zur Agrobiodiversität auf der Ebene der
Gemüsesorten der EU unter besonderer Berücksichtigung der Züchtungsmethoden sowie Auswirkungen auf die Verfügbarkeit
von Gemüsesorten für den biologischen Anbau. 69 Seiten.
Der Autor: Dipl.-Ing. agr. Michael Fleck, Geschäftsführer Kultursaat e. V.
Mehr Informationen auf der Homepage des Vereins Kultursaat: www.kultursaat.org











