Die Bingenheimer Saatgut AG –
Teil eines lebendigen Netzwerkes

Das Team der Bingenheimer Saatgut AG im September 2019

Wo fängt Bio an? Bei der Züchtung der Sorten und der Vermehrung des Saatgut! Und das sehen nicht nur wir bei der Bingenheimer Saatgut AG so, sondern auch immer mehr Landwirt:innen, Gärtner:innen und Verbraucher:innen. Sie teilen mit uns die Idee, durch Erhalt bewährter und Entwicklung neuer samenfester Gemüsesorten für eine gesunde Vielfalt an geschmackvollen, bekömmlichen und angepassten Sorten für den biologischen Anbau zu sorgen. Und Sie ermöglichen, dass wir heute knapp 500 samenfeste Sorten, davon über 100 aus bio-dynamischer und ökologischer Neuzüchtung anbieten können. Und das ohne Hybrid-Züchtung, Patente, und Gentechnik. Wie dieses Engagement entstand  und wie sich daraus unser partnerschaftliches Netzwerk entwickelt hat, erfahren Sie hier.

Hinter den Kulissen

Lesen Sie mehr über die einzelnen Stationen, die das Saatgut bei uns in Bingenheim durchläuft bevor es bei Ihnen landet und über die Menschen die diesen Weg gestalten in den Porträts unserer Abteilungen.

Blick auf die Wurzeln als Richtschnur für die Zukunft

Die Ziele und Leitgedanken, die das tägliche Handeln in der Bingenheimer Saatgut AG lenken, basieren auf einer einfachen Erkenntnis: Um langfristig einen eigenständigen Ökolandbau zu ermöglichen, müssen samenfeste Gemüsesorten erhalten, weiterentwickelt und ökologisch vermehrt und das Saatgut dieser Sorten allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden. Grundlage dieser Erkenntnis war vor gut 35 Jahren der Missstand, dass für den Anbau von Bio-Gemüse kaum Ökosaatgut zur Verfügung stand und der Siegeszug der Hybridsorten mit einem dramatischen Schwund von samenfesten Sorten einherging. Dies bewog eine Gruppe aufgeschlossener, engagierter Demeter-Gärtner:innen dazu, sich zum „Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau“ zusammenzuschließen und den Samenbau samenfester Sorten zu betreiben. Dabei standen zunächst der intensive Erfahrungsaustausch untereinander und die Sammlung von Wissen über die Gemüsesaatgutvermehrung unter den Bedingungen des ökologischen Landbaus im Vordergrund.

Historische Entwicklung – die wichtigsten Meilensteine

Historische Entwicklung – die wichtigsten Meilensteine
1975Die Idee für biodynamisches Saatgut keimt unter engagierten Gärtner:innen.
1985Erstes Initiativkreistre‘en in Bingenheim. Beginn des Vertriebs des ökologischen Saatguts über die Allerleirauh GmbH
1991Der Rotkohl Rodynda ist die weltweit erste, durch das Bundessortenamt behördlich zugelassene biologisch-dynamisch gezüchtete Sorte.
1994Gründung des Vereins Kultursaat e. V. aus der Mitte des Initiativkreises
1998Die ersten geschmacksselektierten Möhrensorten Rodelika und Robila werden vom Bundessortenamt zugelassen
2001Die Bingenheimer Saatgut AG wird gegründet
2013Die weltweit ersten samenfesten Zuckermais-Sorten vom Typ „gelb extrasüß“ (Damaun, Mezdi, Tramunt) aus der Züchtung von Kultursaat e. V. werden in das Sortiment der Bingenheimer Saatgut AG aufgenommen.
2015Preisträger des Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau gemeinsam mit Kultursaat e. V.
202035 Jahre Initiativkreises für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau
202120 Jahre Bingenheimer Saatgut AG - Preisträger des Organic Farming Innovation Award gemeinsam mit Kultursaat e.V. - 100 Neuzüchtungen des Vereins Kultursaat im Sortiment der Bingenheimer Saatgut AG

Eine Aktiengesellschaft als partnerschaftlich agierendes Unternehmen

Die ersten Saatguternten wurden noch unkompliziert untereinander ausgetauscht. Doch bereits nach wenigen Jahren entstand der Bedarf nach einem zentralen Ort für die Prüfung, die Aufbereitung und den Vertrieb des Saatgutes. Zunächst konnten diese Aufgaben bei den Werkstätten der Lebensgemeinschaft Bingenheim e. V. angesiedelt werden. 14 Jahre später, im Jahr 2001, war der Saatgutbereich jedoch zu einer Dimension angewachsen, die die Gründung einer eigenständigen Firma erforderte: Die Geburtsstunde der Bingenheimer Saatgut AG. Mit Wahl der Aktiengesellschaft als Gesellschaftsform  konnten die Impulse der Vergangenheit weiterentwickelt werden und die für Investitionen notwendigen Mittel durch einen größeren Kreis gleichgesinnter Partner:innen ergänzt werden.

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Schaubild Initiativkreis

Neben unseren Saatgutvermehrer:innen und der Bingenheimer Saatgut AG gehören auch die Züchter:innen der Züchtungsvereine Kultursaat und Saat:gut zum Initiativkreis (siehe Schaubild). Dabei prägt nach wie vor die enge Beziehung zu allen Beteiligten das Selbstverständnis der Bingenheimer Saatgut AG.

Der Austausch im Netzwerk und der respektvolle Umgang unter den Wirtschaftspartner:innen ist Grundvoraussetzung für das Gelingen der ökologischen Saatgutarbeit. Die zweimal jährlich stattfindenden Treffen des Initiativkreises bilden dabei den Raum für die gemeinsame Fortbildung, bieten eine Plattform für ausführliche Diskussionen und schaffen eine stabile Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Diese soll ein klarer Gegenentwurf zu den in der Saatgutbranche üblichen Modellen sein, denn gewöhnlich diktieren die Konzerne die Bedingungen und durch die Verlagerung der Saatgutproduktion in Länder mit klimatischen Vorteilen und Billiglöhnen wächst die Entfremdung zwischen Gärtner:innen und Saatgutproduzent:innen.

Die Grundsätze unseres Handelns

Die zur Gründung der Bingenheimer Saatgut AG festgehaltenen Grundsätze dienen unverändert als leitende Impulse für unsere Arbeit. Basis sind Achtung und Respekt vor der Würde des Menschen, der Tiere und der Pflanzen, um in allen Unternehmensbereichen verantwortungsvoll und respektvoll miteinander und mit unserer Umwelt umzugehen. Neben unseren Hauptaufgaben, dem Vertrieb samenfester Sorten und der vorausgehenden Aufbereitung des Saatguts, zielen unsere Bestrebungen vor allem auch auf den Erhalt und die Förderung der Sortenvielfalt für den Ökolandbau. Darüber hinaus möchten wir unseren Beitrag zur Förderung der Saatgutvermehrung als Kulturaufgabe in der Gesellschaft leisten. All unseren Bestrebungen liegen die Bemühungen zugrunde, alternative soziale Wirtschaftsformen zwischen allen am Herstellungs- und Verbrauchsprozess beteiligten Gruppen weiterzuentwickeln. Das heißt u. a., dass wir es als unsere Aufgabe ansehen, Kunden fair zu informieren und  allen Beteiligten der Wertschöpfungskette als Vermittler die Möglichkeiten und Grenzen der  Züchtung und dem Anbau samenfester ökologischer Sorten aufzuzeigen.

Auch in den Besitzverhältnissen der Aktiengesellschaft spiegeln sich unsere Leitgedanken wider: Unsere Namensaktien werden nur an Käufer:innen vergeben, die sich mit den Zielen der Bingenheimer Saatgut AG verbinden. Zum Kreis der Aktionär:innen gehören die Software AG-Stiftung, die Lebensgemeinschaft Bingenheim, Saatgutvermehrer:innen und Kund:innen sowie befreundete Institutionen.

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Auszug aus der Präambel:

Die Bingenheimer Saatgut AG baut auf den Ideen und dem Einsatz des Initiativkreises für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau und der Lebensgemeinschaft Bingenheim e.V. auf. Die Firma wird im Sinne der Gründungsideen der genannten Gruppen die biologisch-dynamische Saatgutarbeit weiterführen und entwickeln. Dabei sollen insbesondere folgende Impulse gepflegt und weiterentwickelt werden:

  • Vertrieb von biologisch-dynamisch gezüchteten und entwickelten Sorten;
  • Erhalt und Förderung der Sortenvielfalt für Landwirtschaft und Gartenbau;
  • Erhalt und Förderung der Saatgutvermehrung als Kulturaufgabe in der Gesellschaft;
  • Weiterentwicklung von sozialen Wirtschaftsformen zwischen allen am Produktions- und Verbrauchsprozess beteiligten Gruppen.
  • Nach Möglichkeit ist die Firma bestrebt, Tätigkeitsfelder für seelenpflegebedürftige Menschen bereitzustellen.

Ein gemeinnütziger Verein als Schlüssel für eine zeitgemäße Alternative in der Pflanzenzüchtung

Doch wem gehören eigentlich die Sorten? Und wem sollten sie gehören? Die aktuelle Debatte um Patente auf Pflanzen und Tiere verdeutlicht den Bedeutungswandel von Kulturpflanzen: In der Vergangenheit noch als wichtiges Kulturgut angesehen, werden Sorten heute oftmals als reines Wirtschaftsgut behandelt. Saatgut ist jedoch deutlich mehr als nur ein Betriebsmittel wie Diesel, Kisten, Vlies etc. Es bildet den lebendigen Ausgangspunkt jeder Ernährungsweise. Nach unserer Überzeugung darf es keinen privatwirtschaftlichen Besitz an Sorten und auch nicht an DNA-Sequenzen geben. Zur Vertretung dieser Überzeugung wurde 1994 aus der Mitte des Initiativkreises der gemeinnützige Verein Kultursaat gegründet. Der Verein übernimmt die biologisch-dynamische Sortenentwicklung, Sortenerhaltung, Züchtungsforschung, Methodenentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Züchtungsfinanzierung. Mehr über Kultursaat e. V. und seine aktuelle Arbeit finden Sie hier.

Kultursaat e.V.

Ihr Beitrag zur Saatgut-Kulturarbeit

Es gibt vielfältige Möglichkeiten die ökologische Saatgutarbeit mit uns weiter zu entwickeln:

  • Als Kunde oder Kundin: Schenken Sie uns Ihre Rückmeldungen! Ihre Erfahrungen sind die Grundlage unserer kontinuierlichen Weiterentwicklung, die wir im Rahmen unseres Qualitätsmanagements vorantreiben.
  • Als zukünftige:r Saatgut-Vermehrer:in: Sind Sie Erwerbsgärtner:in und arbeiten auf ökologisch bewirtschafteten Flächen nach den Richtlinien eines Anbauverbandes? Sprechen Sie uns an und besuchen Sie die Treffen des Initiativkreises.
  • Als zukünftige:r Aktionär:in: Sie wollen sich an unserer nachhaltigen Saatgutarbeit durch ein finanzielles Engagement beteiligen? Sobald wir eine Kapitalerhöhung planen, werden wir an prominenter Stelle darüber informieren.
  • Auch Sie können direkt Mitglied bei Kultursaat e.V. werden und so an der Weiterentwicklung und Pflege eines Kulturgutes teilhaben.

Das Netzwerk heute in Zahlen:

Die Bingenheimer Saatgut AG


  • arbeitet mittlerweile mit ca. 95 Mitarbeiter:innen und zusätzlichen Saisonkräften
  • 86 Gärtnereien vermehren biodynamisches und ökologisches Saatgut
  • ca. 106.000 Kund:innen beziehen Saatgut aus Bingenheim und bauen samenfeste Sorten an
  • unzählige Hobbygärtner:innen kaufen „Bingenheimer Saatgut“ im Naturkosthandel
  • 132 Aktionär:innen aus Öko-Landbau, -handel und -verarbeitung begleiten die Arbeit der AG partnerschaftlich
  • der gemeinnützige Verein Kultursaat e.V. pflegt mehr als 100 neu gezüchtete biodynamische Sorten und 19 Sorten in Erhaltungszucht